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Was ist kommunikative Theologie?

Kommunikative Theologie ist keine Theorie der Kommunikation. Gewiss „geht“ es in ihr auch und entscheidend um Kommunikation – vor allem im „Gehen“, also im Prozess. Gerade so ist Kommunikative Theologie aber nicht theologische Reflexion eines Sektors der Wirklichkeit, vergleichbar einer „Theologie der Ehe“ oder einer „Theologie der Arbeit“. Vielmehr will sie sich auf das Ganze der Wirklichkeit beziehen. Das hat sie gemeinsam mit der „Theologie der Befreiung“, welche die Realität als ganze betrachtet – in der Perspektive des Gottes, der sein Volk befreit.

Gelegentlich wird gegenüber solchen „Genetiv-Theologien“ der Vorwurf erhoben, sie nähmen die Wirklichkeit nur in einem bestimmten „erkenntnisleitenden Interesse“ (Jürgen Habermas) zur Kenntnis, in der Theologie habe es jedoch um Gott, um den Logos vom Theos, zu gehen. Dessen war sich Theologie immer bewusst. Als sie sich im europäischen Mittelalter als Wissenschaft etablieren musste, galt ihr die gesamte Wirklichkeit als möglicher Gegenstand der Betrachtung, als ihr „Materialobjekt“. Die Rücksicht, unter der sie „Gott, Seele und Welt“ betrachtete (also das Formalobjekt) lautete „sub ratione Dei“, d.h. unter der Berücksichtigung ihres Gottesbezugs. Dies galt auch als Aufgabe der Philosophie, sofern sie ebenfalls nach „Gott, Seele und Welt“ fragte. Demgegenüber galt als Spezifikum der „theologischen Theologie“ (der christlichen, aber auch der jüdischen und islamischen Theologie usw.) eben die Perspektive des Glaubens: Die ganze Wirklichkeit wird  reflektiert „sub ratione Dei“, d.h.  in der Perspektive des Gottes, den Schrift und Überlieferung bezeugen, kurzgefasst im Glaubensbekenntnis als Kompendium der obersten Glaubensartikel. Um Missverständnissen vorzubeugen, sei hervorgehoben: Die Gläubigen, die Theologen setzen sich nicht an die Stelle Gottes, sie schauen nicht mit Gottes eigenen Augen, und sie beanspruchen nicht, die ganze Wirklichkeit tatsächlich zu erfassen (wenn sie auch zu bestimmten Zeiten in dieser Hinsicht optimistischer waren als wir heute). Vielmehr entnehmen sie den Gotteserfahrungen, die bezeugt werden und an die sie für sich selbst Anschluss gewinnen wollen, mit welchem Blick Gott seine Schöpfung betrachtet. Für die Theologie der Befreiung ist dies eben der Gott, der sein Volk befreit.

So ist theologische Theologie immer kontextuell, verwoben mit der Geschichte von Menschen. Das gilt im Grunde auch von der philosophischen Theologie, die aber den Anspruch erhebt, diesen „Entdeckungszusammenhang“ nicht in ihren „Begründungszusammenhang“ aufzunehmen. Für die theologische Theologie ist genau dies konstitutiv. Letztlich begründet sich dies von der inkarnatorischen Struktur der (christlichen) Offenbarung her: Gott vermenschlicht und vergeschichtlicht sich  in seiner Selbstmitteilung an die Menschen. Dieser Offenbarung „im Fleisch“ entspricht die „fleischliche“, also menschliche und geschichtliche Antwort des Glaubens. Gottes Wort ist immer wahr, aber es kommt je und je bei Menschen aus Fleisch und Blut an und somit also in den Grenzen menschlicher Ant-wort und den Möglichkeiten menschlicher Geschichte.

Von daher wird einsichtig, dass im Wandel der Biographie und der Geschichte von Menschen(gruppen) mit ihrer ökonomischen, kulturellen, politischen Dimension sich die Gestalt des theologischen Nachdenkens verändert. Dabei versucht jede Zeit, sich selbst in der Perspektive des geglaubten Gottes zu verstehen. Methodisch empfiehlt sich dabei der Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln, den die Theologie der Befreiung von der Christlichen Arbeiterjugend übernommen hat: Die Wirklichkeit wahrnehmen – sie unter Berücksichtigung dieser ungeschminkten Analyse im Spiegel (das meint Re-flexion) des Evangeliums betrachten und bewerten – und daraus Konsequenzen für das individuelle und gemeinschaftliche Handeln zu ziehen.